Alles voller Himmel

10. August 2010

Patricia Koelle: Alles voller Himmel

Patricia Koelle: Alles voller Himmel


Patricia Koelle
Alles voller Himmel

Roman
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-11-1




Ein unterhaltsamer und farbenfroher Roman über den Mut, den man zum Lieben braucht, über Hindernisse und Behinderungen und warum es sich lohnt, trotzig und zärtlich darüber hinwegzuleben, über den Zauber, den man finden kann ohne ihn zu suchen, und über Antworten auf die Frage nach der Machbarkeit des Glücks.

Kurzbeschreibung: Fia liebt seit Jahren Anthony, einen herzkranken Künstler, dem der Mut zum Leben und offenbar auch zu einer Beziehung fehlt. Da fällt ihr kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag eine Kontaktanzeige in die Hände. „Wenn du Mut hast, melde dich!“, steht da. Geschrieben hat diese Worte ein Mann, der im Rollstuhl sitzt. In Fia steigt eine seltsame Wut auf. Zum Lieben braucht man ohnehin so viel Mut – warum sollte noch mehr davon nötig sein, um einen Mann zu lieben, der nicht laufen kann? Ihrem Ärger, der eigentlich Anthony gilt, macht sie in einem Brief an die angegebene Chiffre Luft. Kaum eingeworfen, vergisst sie den Brief – und dennoch beginnt sich ihr Leben an diesem Tag zu ändern. Bald stellt sich heraus, dass der Unbekannte Anthony merkwürdig ähnlich ist. Damit beginnt für Fia ein Weg voller ungewöhnlicher Umstände und überraschender Ereignisse, an dessen Ende sich zeigt, dass Kleines oft verblüffend groß ist und Glück zwar nicht von alleine kommt, aber erstaunlich viel einfacher sein kann als gedacht. Ein spannender, poetischer und zärtlicher Roman über den Mut zur Liebe und das eigentlich ganz einfache Geheimnis des Glücks.

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Und hier gibt es den YouTube Buch-Trailer:

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Alles voller Himmel 1

10. Dezember 2016

Patricia Koelle: Alles voller Himmel

Patricia Koelle: Alles voller Himmel


Patricia Koelle
Alles voller Himmel
Roman

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-11-1




Leseprobe


1. Der Fund im Papierkorb


Eine wintermüde Mücke mit Hunger auf Frühling war der Anfang davon, dass sich mein Leben auf einen neuen Weg machte.
„He! Mach sie wieder dran!“, rief Alina empört.
Wir spielten auf dem Schulhof im Sandkasten und ich hatte die Mücke von ihrem kleinen Arm verjagt. Ein Reflex. Aber mit ihren neun Jahren sah Alina die Mücke nicht als böses Wesen an, das ihr etwas wegnehmen wollte. Über späteres Jucken dachte sie nicht nach, nicht in diesem sonnigen Frühlingsmoment, in dem sich ein Besucher mit glänzenden Flügeln vertrauensvoll auf ihrer Haut niedergelassen hatte. Sie hatte nicht viele Freunde.
Doch die Mücke war, noch kälteträge, in den silberblauen Himmel geflogen.
Im letzten Jahr war Alina schwer krank gewesen, und nun war sie noch angeschlagen und eben ein wenig anders. Ich betreute sie als Schulhelferin, ging mit ihr in den Unterricht um ihr beizustehen, wenn es ihr nicht gutging oder sie etwas nicht verstand. Wenn die anderen Sport trieben, spielten wir unsere eigenen Spiele oder machten Hausaufgaben. Ich war zwanzig Jahre älter und hatte einen Abschluss in Pädagogik, aber manchmal fragte ich mich, wer wem mehr beibrachte. Sie hatte gelegentlich eine ungewöhnliche Art, die Dinge zu betrachten.
Mücken zumindest würde ich in Zukunft anders sehen.

Alina war mein Vormittagskind. Nachmittags gab ich Tim und Benny aus einer anderen Schule Nachhilfe. An diesem Freitag hatte ich noch eine Lehrerkonferenz, und als ich endlich auf dem Heimweg war, dämmerte es schon. Das ist meine liebste Tageszeit: wenn die Luft seltsam still und glasklar wird und die ersten Lampen aufblinzeln. Der April war voller Frühlingsversprechen. Die Amseln ließen Abendtöne aus den Baumsilhouetten rieseln und es duftete nach Veilchen. Mich erfüllte das unbestimmte Gefühl, es könnte ein bedeutsamer Sommer werden. Nur, war das nicht immer so im Frühling?
Nein. Irgendetwas lag in der Luft, da war ich mir sicher. Ahnungen trieben sich mit dem aufkommenden weichen Abendnebel herum. Es war wie ein Flüstern in der Welt: der Wind, die Schritte der Vorübergehenden, mein eigener Atem, alles schien mir etwas sagen zu wollen. Möglicherweise wünschte ich mir auch nur, dass sich etwas änderte. Dieser Sommer würde meinen dreißigsten Geburtstag enthalten. Ein guter Zeitpunkt für neue Wege; vielleicht sogar ein überfälliger.
Die alte Frau Zepke aus der Nachbarwohnung hatte wieder einmal ihren Papierkorb vor der Tür vergessen. Oben drin steckte die Tageszeitung. Ich nahm sie mit, wegen des Anzeigenteils. Ich brauchte dringend mehr Nachhilfeschüler!
Bei einem Tee blätterte ich die Zeitung durch. Nachhilfe wurde nur in Mathematik gesucht. Die hätte ich selbst nötig gehabt. Ich wollte die Seiten schon zusammenfalten, da fiel mir, zwischen die Annoncen einer Fahrschule und eines Beerdigungsinstitutes gequetscht, eine kleine, unscheinbare Kontaktanzeige ins Auge: „Ich bin Rollstuhlfahrer. Wenn du Mut hast, melde dich!“ Ein fünfundvierzigjähriger Mann, der nicht länger allein sein wollte; es standen noch ein paar andere, nicht weiter außergewöhnliche Worte dabei, dieser Satz jedoch war es, der mir ungewollt im Gedächtnis blieb. Ich warf die Zeitung weg, kehrte die Krümel vom Tisch, die Apfelsinenschalen vom Küchenbrett und kippte beides obendrauf, saugte Staub, räumte meinen Schreibtisch auf und sah die Post durch. Die ganze Zeit flatterte der Satz in meinem Kopf herum wie ein unruhiger Käfigvogel, was mich irritierte. Schließlich las ich normalerweise keine Kontaktanzeigen. Anthony genügte mir voll und ganz, auch wenn das keine Zukunft hatte. Für uns galt eine ganz besondere Gegenwart, die zählte.
Doch selbst beim Abendbrot war mir, als kaute ich auf diesem Satz herum. Mut! Zum Lieben ist Mut immer eine Voraussetzung. Aber wieso sollte man mehr Mut brauchen, um einen Rollstuhlfahrer zu lieben? Ich war nicht nur irritiert, ich ärgerte mich, ohne zu wissen warum. Selbst nach einer heißen Dusche und den Fernsehnachrichten fand ich keine Ruhe. Mein Ärger hatte sich mittlerweile in meinem Bauch zu einer festen kleinen Wut geballt. Ja, das ging so weit, dass ich mir einbildete, eine deutliche Stimme zu hören: „Schreib ihm das!“ Ich hatte noch nie Stimmen gehört, und Fieber hatte ich auch nicht. Irgendwas musste ich unternehmen. Kopfschüttelnd grub ich die Zeitung aus dem Papierkorb. Sie war matschig und roch nach Apfelsinen und Kaffeesatz. Fast hätte ich die kleine Anzeige nicht wiedergefunden, doch schließlich entzifferte ich die Chiffre, notierte sie auf einen Briefumschlag und setzte mich leise schimpfend wieder an den Schreibtisch. Normalerweise wäre mir nicht im Traum eingefallen, auf eine Kontaktanzeige zu antworten. Ich genierte mich vor mir selbst und war schon fast wieder auf dem Weg zum Papierkorb, als mir Alina und die Mücke einfielen. Vielleicht musste auch ich einfach mal umdenken: nicht mit einem Reflex alles verscheuchen, was mich irritierte, sondern erst näher betrachten, was mich da angeflogen hatte.
Also schrieb ich ein paar deutliche Zeilen auf einen schmucklosen Notizzettel: dass ich es als eine Unterstellung betrachtete, dass man mehr Mut für eine Beziehung mit einem Rollstuhlfahrer bräuchte als für eine mit einem Mann mit zwei gebrauchsfähigen Beinen. Damit es nicht ganz so schroff klang, fügte ich noch ein oder zwei Sätze über mich an. Beim Suchen nach einer Briefmarke fiel mir ein Locher in die Hand, den ich zu Weihnachten bekommen hatte. Mit ihm konnte man schmetterlingsförmige Löcher stanzen. Ich hatte ihn noch nie ausprobiert, aber nun stanzte ich, einem Impuls folgend, ein solches Loch in den Briefumschlag. Als ich meinen Zettel hineinsteckte, lugte das Wort „Mut“ hindurch. Ich hoffte, die deutsche Post würde das durchgehen lassen.
Erst legte ich den Brief in den Flur. Morgen auf dem Weg zur Arbeit kam ich sowieso am Briefkasten vorbei. Aber dann überlegte ich es mir anders. Ich brauchte dringend noch einmal frische Luft, und es waren ja nur ein paar hundert Meter. In dem Moment, als ich das Kuvert in den Kasten plumpsen hörte, ging es mir besser. In meinem Bauch stiftete kein Ärger mehr Unruhe, sondern der Appetit auf ein Brötchen mit Quittengelee. Und in meinem Kopf war die Stimme verstummt. Ich hörte sie übrigens nie wieder.
Auf dem Rückweg entdeckte ich das Sternbild Schwan zum ersten Mal in diesem Jahr, gerade über dem Horizont. Der Schwan ist ein Sommersternbild. Als kleines Mädchen haftete dieses als Erstes in meinem Gedächtnis. Der Schwan wurde zu meinem Glücksbringer, meinem himmlischen Freund; es beruhigte mich, wenn ich ihn mit seinen ausgebreiteten Flügeln über mir schweigend in dem erschreckend weiten, schwarzen Himmel fliegen sah. Fünfundzwanzig Jahre später mochte ich ihn immer noch. Schön, dass er wieder da war. Das musste ich unbedingt Anthony erzählen.
Denn ich wusste nicht, wie lange ich Anthony überhaupt noch etwas würde erzählen können.


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Alles voller Himmel 2

10. Dezember 2016

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Patricia Koelle
Alles voller Himmel
Roman

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-11-1




Leseprobe


2. Anthony

Mein Freund Anthony rief in jeder Nacht an. Ich glaube, er kämpfte gegen die Eile der Zeit, die ihm noch blieb, und gegen die Dunkelheit. Diesmal machte er es ungewöhnlich kurz.
„Hallo Fia, wie wäre es morgen mit einer Dampferfahrt?“, fragte er. „Die weiße Flotte fährt zum ersten Mal in der Saison.“
Für morgen war Regen angesagt, bei gerade mal vier Grad. Aber wenn Anthony einen solchen Vorschlag machte, stellte ich keine Fragen. Dann wusste ich, er brauchte mich – und es lohnte sich immer. Mit Anthony leuchtete jeder Regen. Außerdem hatten wir uns in den sieben Jahren unserer tiefen Freundschaft nur wenige Male gesehen. Wir kannten uns schon drei Jahre, bevor wir uns das erste Mal trafen. Nun würde es nicht mehr oft geschehen.
Kennengelernt hatte ich ihn, weil er jemanden suchte, der das Manuskript eines Kinderbuchs für ihn tippte. Von Geli, einer gemeinsamen Freundin, hatte er erfahren, dass ich solche Nebenjobs machte. Er schickte also seine Geschichten, ich tippte, und da ich von den Texten begeistert war, legte ich dem fertigen Skript einen Brief bei. Er antwortete prompt, und es dauerte nicht lange, bis wir uns täglich schrieben. Es war, als hätten wir uns immer schon gekannt. In uns war ein Gleichklang, ein Staunen über dieselben kleinen Dinge. Wir konnten uns stundenlang über ein trockenes Herbstblatt unterhalten, fanden heraus, zu welchem seltenen Baum es gehörte und spannen Geschichten über seine eigenartige Form. Wir sinnierten über Sternbilder, über die Sagen dazu und gleichzeitig über die neuesten astronomischen Erkenntnisse. Unsere Gedanken griffen ineinander wie Zahnräder; wir trieben uns gegenseitig in ungeahnte philosophische und phantastische Weiten. Anthony schickte mir ständig irgendwelche interessanten Zeitungsartikel. Kleine ergänzende Zeichnungen zierten die Ränder seiner Briefe. Er war Kunstlehrer gewesen. Nach und nach erfuhr ich mehr über ihn: er war einundvierzig, aber Frühpensionär, denn er war schwer herzkrank. Dass er nicht mehr Lehrer sein konnte, hatte ihn schwerer getroffen als die Krankheit.
Nun brachte er eben mir die Dinge bei, die er wusste und die ihn faszinierten. Das war nicht nur Kunst. Physik, Biologie, Mechanik, alles und jedes konnte seine Begeisterung wecken, und die musste er mit jemandem teilen. Wenn ich von der Arbeit kam, freute ich mich schon auf seine Briefe, die meist zehn bis zwanzig Seiten lang waren. Manchmal, wenn er keinen Schlaf fand, fuhr er nachts durch die Stadt, nur um mir einen solchen Brief vor die Tür zu legen, seltsam in Dosen oder als Flaschenpost verpackt oder um einen ungewöhnlichen Stein gewickelt. Es gab nichts Schöneres für mich, als ebenso lange Antworten zu verfassen. In jenen Jahren lernte ich, Geschichten zu schreiben, ohne es zu merken. Schon immer hatte ich mir gerne welche ausgedacht. Bei Anthony konnte ich ungeniert drauflosfabulieren. Er pflanzte Bilder in meine Sprache, lehrte mich, die Welt mit Worten präziser, lebendiger zu malen, wies mich auf blasse Farben, auf schwache Verben und überflüssige Füllwörter, auf schlampige Dramatik hin, trieb mir komplizierte Bandwurmsätze aus. Ich steckte ihn mit meinen Phantasien und Fragen an. Wir weckten gegenseitig das Beste in uns und das Übermütige.
Bald reichten die Briefe nicht mehr. Er gewöhnte sich an, mich abends anzurufen, irgendwann spät, und wir redeten bis nach Mitternacht. Eigentlich hätte ich morgens unausgeschlafen sein müssen, aber Anthony schickte so viel Lebendigkeit durch die Telefonleitung, dass er in mir alles neu und größer aufweckte. Es war, als wollte er das bunte, neugierige Leben, das in ihm brodelte, für das aber seine Zeit nicht mehr reichen würde, zu mir herüberretten.
Jemand unterstellte uns einmal eine heiße Affäre, woraufhin wir beide in schallendes Gelächter ausbrachen. Obwohl das so falsch nicht war: es war eine geistige Affäre, eine großartige, ausgelassene und tiefe Gemeinsamkeit im Denken, voll glücklicher Höhenflüge. Mit keinem anderen Menschen habe ich je so viel lachen können. Es war ein Lachen gegen die Angst, ein Lachen allem zum Trotz und um des Lebens willen, ein schwereloses Lachen, das die Nächte eroberte und nahe daran war, sogar den Sternenschwan zu erschüttern, der im All schweigend seine Bahn zog. Wohl schlich sich mit den Jahren eine unterschwellige Zärtlichkeit selbst durch Tinte und das Telefonkabel in unsere Freundschaft, aber Anthony machte klar, dass er dennoch keine engere Beziehung wollte. Er verhielt sich wie das Licht auf der Oberfläche eines tiefen Sees. Das Funkeln schenkte er mir, aber an dem Dunkel der Abgründe, an seiner Furcht und seiner Melancholie ließ er mich nicht teilhaben, damit ich nicht mit ihm darin unterging. Aus diesem Grunde erlaubte er nur sehr selten, dass wir uns sahen. Ob er es sich und mir damit leichter machen wollte oder nur nicht mehr die Kraft zu haben glaubte – ich weiß es nicht. Vielleicht fehlte ihm auch der Mut. Auf dieses Wort war ich im Zusammenhang mit ihm noch nie gekommen, aber als ich ihn heute am verabredeten Treffpunkt auf dem Bahnhof Wannsee stehen sah, dachte ich an die Anzeige von gestern.
War meine seltsame Wut daher gekommen, weil es eigentlich Anthonys mangelnder Mut zu einer Beziehung war, der mich ärgerte?
Anthony war einsfünfundachtzig groß; er fiel unter den anderen Reisenden sofort auf. Wenn wir uns umarmten, war es dennoch immer, als wage er nicht, ganz anwesend zu sein. Im Zug ging er an mehreren freien Bänken vorbei, bis ihm eine zusagte. „Ich fahre nicht mehr gerne vorwärts“, sagte er erklärend. Nachdenklich blickte er in die Landschaft, die wir hinter uns ließen.
Bei seinen Worten durchfuhr mich eine kalte Angst. Wie war das mit dem Mut? Wenn er schon nicht mehr wagte, vorwärts zu blicken, wie viel Zeit hatte er noch, hatten wir noch? Ich selbst hasste es, rückwärts zu fahren; ich setzte mich ihm gegenüber. In das Schweigen hinein erzählte ich ihm von der Anzeige und meiner Antwort darauf. Von der Stimme, die in meinem Kopf gewesen war, sagte ich nichts, wohl aber, dass ich überhaupt nicht wusste, warum ich einem Fremden geschrieben hatte.
Über Anthonys Gesicht flog ein Schatten, kurz nur. Eifersucht? Ich gebe zu, ich hatte insgeheim darauf gehofft. Dann erzählte er mir etwas über die Gebäude, an denen der Zug vorüberflog. Erst kurz bevor wir in Potsdam ausstiegen, sagte er plötzlich: „Das hast du gut gemacht, das mit dem Rollstuhlmann!“
Auf dem Boot lehnten wir nebeneinander an der Reling, ohne uns zu berühren. Ich konnte Anthonys feuchten Parka riechen und seinen Tabak und seinen ganz eigenen Duft nach Tinte und alten Büchern und Erde. Es nieselte sanft aus einem gleichmäßig grauen Himmel. Die Bäume am Ufer waren von einem zarten optimistischen Hellgrün; das Land wirkte weich wie eine Pastellzeichnung. Der Frühling träumte sich wach; es war, als hielte alles voller Erwartung den Atem an. Die Havel schien ihm entgegenzufließen und wir mit ihr. Ich dachte an einen Winter meiner Kindheit, als ich auf der froststarr innehaltenden Havel Schlittschuh gelaufen war. Im klaren Eis eingeschlossen hatte ich gefrorene Fische entdeckt, die nicht tot wirkten, sondern besonders farbig und leuchtend, als hätten sie nur auf ihrem Weg angehalten, in ihrer Schönheit wie für die Ewigkeit bewahrt. Genau wie diese Augenblicke mit Anthony: auch sie würden, in meiner Erinnerung eingeschlossen, für immer unversehrt und gültig bleiben.
An der Freundschaftsinsel unterbrach der fast leere Dampfer die Fahrt, hier konnte man einkehren. Wir verzichteten auf Kaffee und machten einen Rundgang. Eine Weile standen wir nachdenklich vor einer Skulptur, die als Inschrift ein Zitat des Gärtners und Autors Karl Foerster trug: „Wer seine Träume verwirklichen will, muss wacher sein und tiefer träumen als andere.“ Hier und da trafen wir Pärchen, wie man sie im Frühling trifft, händchenhaltend und strahlend, in ihrer ganz eigenen Welt. Ich sah ihnen nach; ich gönnte ihnen ihr Glück, gleichwohl kroch in mir eine Traurigkeit hoch wie einer der Regenwürmer, die auf dem nassen Pfad einen trockenen Platz suchten. Anthonys Hände steckten tief in seinen Taschen. Er sah nicht den Pärchen nach, sondern beobachtete einen Großvater, der ein glückliches, zahnloses Lächeln trug und mit seiner Enkelin verbotenerweise die Schwäne fütterte. „Ich wäre gern einmal ein fröhlicher alter Mann geworden“, sagte Anthony, mehr zu sich selbst als zu mir.
Das junge Gras war schon kräftig und darauf breitete sich eine blauviolette Blume aus, so dicht, dass es fast aussah, als hätte das Wasser vom See die Wiese geflutet. Die Namen der meisten Wildblumen kenne ich, diese hier war mir neu. „Weißt du, wie die heißt?“, fragte ich Anthony. Er schüttelte den Kopf. „Dann nenne ich sie Anthonyblume“, sagte ich ein wenig zu fröhlich. Er schnaubte belustigt und wechselte das Thema.
„Ich will etwas, das mich an dich erinnert!“, dachte ich trotzig. Und tatsächlich, diese unbekannte Blume hat sich seitdem sogar in der Stadt ausgebreitet, Jahr für Jahr mehr, auf Grünstreifen, in Gärten, am Wegrand. In jedem April und Mai begegnet mir die Anthonyblume neu. Dann ist jener Tag plötzlich wieder da und Anthony steht vor mir, mit seinen müden und trotzdem leuchtenden Augen und seinem spöttischen halben Lächeln.
Er schenkte mir einmal ein Gedicht, in dem ich diese Zeilen fand:

… ich lausche
dem Wispern welker Blätter,
meine Blicke
folgen ihrem wirbelnden Flug,
wenn der Wind sie davonreißt.
Wäre ich solch ein Blatt,
versuchtest du,
mich zu fangen?

Das hatte er geschrieben, lange ehe wir uns kannten und bevor er wusste, wie krank er war. Als wir uns begegneten, war es längst zu spät. Darum versuchte ich nie, ihn zu fangen, noch hätte er es zugelassen. Aber ein warmer, sanfter, fröhlicher Herbstwind wirbelte uns eine lange Wegstrecke nebeneinander her, und dieser Weg wies mir meine Richtung.
Der Dampfer trug uns weit auf den Templiner See. Wir kosteten jede Minute aus, zählten die Graureiher und die Haubentaucher, erfanden Geschichten zu den Häusern am Ufer. Der Regen wurde stärker, kümmerte uns aber nicht. Ich sah, wie die Tropfen sich in Anthonys Haaren und Brauen verfingen. Silbern spiegelte sich die Dämmerung in ihnen.
Auch auf dem Dampfer blickte er nicht vorwärts; wir standen die ganze Zeit am Heck. Als wir schließlich ausstiegen, war es schon dunkel. Die feste Erde fühlte sich fremd an unter meinen Füßen. Als wir uns zum Abschied umarmten, blickte ich zu ihm hoch, und da sah ich den kalten Schatten in seinen Augen.
Ich wusste, ich würde ihn nie wiedersehen. Er würde nicht heute gehen, auch nicht morgen, wir würden noch oft telefonieren, noch viele Briefe schreiben – aber gesehen hatte ich ihn heute zum letzten Mal. Wir wussten es beide.
Da dachte ich an Mut, und ich küsste ihn, zum ersten und zum letzten Mal. Ich schmeckte Salz und die Currywurst von vorhin, schmeckte Rauch und Sehnsucht, Gewissheit und Bedauern und den Tod auf seinen Lippen, aber in diesem Moment lebten wir, und alles war richtig.
Abends ging mir der Zauber jenes kühlen Frühlingsabends nicht aus dem Sinn. Ich versuchte, die Aquarellfarben meiner Erinnerung auf Papier zu bannen. Jedoch war ich nicht zufrieden mit dem vagen Ergebnis und schickte es Anthony, der mit wenigen geübten Strichen unsere Landschaft dieses Tages daraus zauberte, so dass man nicht sah, wo ich aufgehört und er angefangen hatte.
Noch war Zeit, uns zusammen an der Welt zu beglücken.


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Alles voller Himmel 3

10. Dezember 2016

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Patricia Koelle
Alles voller Himmel
Roman

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-11-1




Leseprobe


3. Fragen und Antworten

Mit dem Montag kam die erste Wärme. Der Frühling brach als grüne Welle über uns herein. Ebenso wie die Bäume und Beete explodierten die Kinder vor Lebendigkeit und es wurde eine turbulente Woche. Die Aufbruchsstimmung der Natur fuhr ihnen in die Füße und ins Lachen; sie waren ständig am Kichern, niemand konnte stillsitzen. Alina ging es so viel besser, dass sie ihre Krankheit nun gelegentlich vorschob. Sie täuschte Kopfschmerzen vor um hinauszudürfen. Es fiel mir schwer, streng zu bleiben, denn mich lockte die weiche Luft draußen ebenso unwiderstehlich. Tim und Benny, meine ohnehin hyperaktiven Nachmittagskinder, konnten sich überhaupt nicht mehr konzentrieren. Schließlich gingen wir nach draußen und schrieben die Vokabeln in den Sand und mit Kreide auf den Hof.
Die Mittel für Alinas Förderung wurden gekürzt, da es ihr besser ging. Ich musste um einen neuen Vertrag kämpfen, wenigstens bis zu den Sommerferien. Ganz alleine konnte sie die Schultage und den Stoff noch längst nicht bewältigen.
Zu Hause fegte ich den Winterschmutz vom Balkon und bepflanzte die Kästen mit Stiefmütterchen und Kürbissamen. Anthony rief weiterhin jeden Abend an. Der Frühling schien auch ihm gutzutun, er malte wieder mehr Bilder und schickte mir lehrreiche Zeitungsausschnitte.
Einmal schenkte er mir eine bunte, für seine Verhältnisse ungewöhnlich heitere Zeichnung. „Fias Garten“, stand auf einem Wegweiser, der auf einen geschwungenen Torbogen deutete, an dem blaue Trichterblüten rankten. Obendrauf saß ein bunter Phantasievogel und sah mir direkt ins Auge. Links stand ein alter Baum mit gefurchter Rinde und einem dicken Stamm, der sich schützend über einen kleinen Hof mit steinernen Fliesen neigte. Vor dem Tor standen meine weißen Sandalen. Hinter dem Tor erstreckte sich ein grüner Rasen mit Blumenbeeten und einem weiteren Baum. Rechts vom Tor wuchsen Sonnenblumen und ein blühender Strauch.

Ich hatte Anthony einmal erzählt, dass ich mir einen eigenen kleinen Garten wünschte. Aber nicht, wie ich ihn mir vorstellte. Dieser passte genau. Ich rahmte das Bild und hängte es neben meinen Schreibtisch.
Am Samstag lag zwischen den Rechnungen, einer Postkarte von Tante Anna und einem dicken Anthony-Brief ein Kuvert mit einer fremden Handschrift. „Jonathan Reimer“ lautete der Absender. Wer das wohl war?
Den Rollstuhlmann hatte ich vollkommen vergessen. Und nun hatte er mir geantwortet! Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Für mich war die Sache erledigt. Als ich die Seite auseinanderfaltete, fiel mir ein Foto in die Hand. Ein Schnappschuss von einem ernst, aber sympathisch blickenden Mann in einem Rollstuhl, der im jungen Gras neben einer kleinen Tanne stand. Der Mann hatte den Kopf in die Hand gestützt und sah mit sehr blauen Augen nachdenklich in die Kamera.
Eigentlich mag ich dunkelbraune Augen, jedoch diese blauen sah ich mir eine Weile an, bevor ich den kurzen Brief las. Er war in einer ordentlichen, dennoch lebendigen Handschrift abgefasst. Allzu gestochene Handschriften, die aussehen wie gedruckt, ein Buchstabe wie der andere, kann ich nicht leiden. Eine Schrift muss fließen, muss leben, muss tanzen. Diese tat es.
Auf die Sache mit dem Mut ging er nicht ein, beantwortete jedoch meine Frage, was der Grund für den Rollstuhl sei. Eine Muskelkrankheit, von seinem Vater geerbt. Auch er hatte Fragen. Wie groß ich sei? Und ob ich Kinder wolle?
In mir stieg Abwehr hoch; das war mir zu direkt. Und warum Kinder? Hier unterhielten sich zwei Fremde, ich hatte eigentlich auch vor, dass wir uns fremd bleiben würden – und er fragte, ob ich Kinder wollte?
Das Gefühl verflog erstaunlich schnell. Ich hatte auf seine Kontaktanzeige geantwortet, warum auch immer. Wenn er da falsche Schlüsse zog, konnte ich es ihm kaum übel nehmen. Seine Fragen machten Sinn. Ich konnte mir vorstellen, dass er als Rollstuhlfahrer nicht unbedingt mit einer Zweimeterfrau unterwegs sein wollte. Da hätte er ja ein Megaphon gebraucht, um sich zu unterhalten. Und Kinder? Er hatte eine Erbkrankheit, da war es verständlich, dass er eine Frau mit Kinderwunsch nicht brauchen konnte. Im Grunde war es sehr anständig und praktisch von ihm, eine so grundlegende Angelegenheit zuallererst zu klären. Das imponierte mir schon wieder.
Außerdem schrieb ich gerne Briefe. Das lag natürlich an Anthony. Also schrieb ich dem Rollstuhlmann eben noch mal. Dass ich nur einsfünfundsechzig bin. Und dass ich keine Kinder bekommen kann. Seltsam, wie einfach es war, das einem Fremden zu sagen. Mir machte das nichts aus, ich hatte immer schon so viel mit Kindern zu tun gehabt, dass ich nichts vermisste. Aber ich hatte noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Um ein Foto bat er auch. Da ich gerade neue Passfotos abgeholt hatte, brauchte ich das nur aus der Schublade zu fischen.
Als ich Anthony davon am Telefon erzählte, ermutigte er mich, den Brief abzuschicken. An ihn schrieb ich selbstverständlich auch, wie fast jeden Tag. Bei ihm wurden es wesentlich mehr Seiten. Aber bei aller Fröhlichkeit in unserem Briefwechsel lag gelegentlich auch eine Traurigkeit zwischen den Zeilen und eine versteckte Schwere in den Sätzen. Mir fiel auf, dass das Schreiben an den unbekannten Jonathan Reimer eine erholsame Leichtigkeit gehabt hatte.
Die beiden Briefe waren ein schöner Grund, noch einmal in den Frühlingsabend hinauszugehen. Am Sternenhimmel flog schweigend und gewaltig der gute alte Schwan. Ich fragte mich, was er wohl zu meinen merkwürdigen Briefbeziehungen sagen würde. Irgendwie beruhigend, dass das alles für ihn völlig unbedeutend war.
Das Foto von Jonathan Reimer blieb auf dem Schreibtisch liegen und rutschte in den Poststapel. Tage später fand es Benny, der auf der Suche nach Ablenkung während der Nachhilfestunden ständig in meinen Sachen herumwühlte. Kritisch betrachtete er es, lief dann zum Kühlschrank, an dessen Tür unter einem Magneten ein kleines Bild von Anthony haftete. „Wieso sitzt derselbe Mann mal im Rollstuhl und mal nicht?“, fragte er.
„Wieso derselbe Mann? Das ist ein anderer“, sagte ich irritiert.
„Nee. Der sieht doch genauso aus!“
Ich nahm ihm das Foto aus der Hand und hielt es neben das Kühlschrankfoto. Erstaunt kniff ich die Augen zusammen. Tatsächlich, da war eine Ähnlichkeit! Beide Männer hatten denselben Bart, einen fast gleichen Haarschnitt – nun gut, bei Männern gibt es da nicht so viele Varianten – aber auch die Statur war ähnlich und die Nasen und noch etwas Ungreifbares. Nur die Augen: beide hatten blaue, aber in Jonathan Reimers war der Frühlingshimmel unterwegs, während sich in Anthonys schon seit ich ihn kannte sturmgraue Schatten herumtrieben.
Doch die beiden hätten auf jeden Fall Brüder sein können. Zwillinge vielleicht nicht, aber Brüder.
Seltsam. Beinahe unheimlich.


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4. Männer im Schuhkarton

Die Obstbäume blühten von einem Tag auf den anderen wie ein Aufatmen. Ich brachte Alina bei, in den Schulhofkirschbaum zu klettern, in dessen weißer, duftender Wolke sie sich leicht fühlte. Später versuchten wir, die Pusteblumen auf der Wiese zu zählen. Vogelküken schlüpften, schrien nach Futter und wurden flügge. Dann rundeten sich die Erdbeeren dick und duftend. Tim und Benny halfen mir beim Erdbeereismachen. An fast jedem dieser Frühlings- und Frühsommertage bekam ich inzwischen einen Brief von Jonathan, den ich längst wie seine Freunde Jono nannte. Fehlte der Umschlag mit seiner schon vertrauten Handschrift, so lag es daran, dass kein Passant vorbeigekommen war, erklärte er mir. Denn Jono schaffte es zwar, mit dem Rolli aus dem Haus und um die Ecke zu kommen, konnte die Arme jedoch nicht zum Briefschlitz heben. So wartete er stets geduldig, bis jemand vorbeikam, der ihm den Brief einwarf.
Jonos Zeilen waren so anders als Anthonys, klar und bodenständig und doch voller Lebensfreude und Wärme. Liebevoll. Schnell wurden sie mir zur wichtigen Gewohnheit, ohne dass ich es so recht bemerkt hatte. Ihm zu schreiben war erholsam, bei Anthony war es ein Abenteuer.
Anthony fragte oft nach Jono, wollte erst alles über ihn wissen, freute sich sogar über die (rein äußerliche) Ähnlichkeit; dann wurden seine eigenen Briefe und Anrufe seltener.
Nach einiger Zeit ergriff Jono die Initiative und rief mich an. Von da an immer öfter und schließlich jeden Abend.
„Ich muss dir was erzählen“, sagte er einmal, „aber nicht lachen!“
„Erzähl!“
„Ich habe seit vielen Jahren in Abständen immer und immer wieder denselben Traum. Von drei Mädchen, die auf einer Wiese spielten. Zwei davon waren älter, eins noch ziemlich klein. Ich habe mich immer sehr wohlgefühlt in diesem Traum und ich spürte irgendwie, er ist wichtig. Abends beim Einschlafen habe ich mich oft danach gesehnt, ihn wieder zu träumen. Auch während meiner Ehe, als sie anfing auseinanderzugehen. Ich hatte immer das Gefühl: irgendwas stimmt noch nicht in meinem Leben, und der Traum ist ein Hinweis darauf.“
Er schwieg. Ich spürte, da war noch was. Und ich dachte an meine beiden um einiges ältere Schwestern, mit denen ich oft und gern auf einer Gänseblümchenwiese gespielt hatte. Jono wusste noch gar nichts von ihnen.
„Nachdem wir das erste Mal miteinander telefoniert haben, habe ich diesen Traum wieder geträumt. Nur diesmal war etwas anders. Das jüngste Mädchen hat mich gesehen. Es hat mich angelacht und mir zugewinkt, ich solle zu ihm kommen.“
Dieses Bild nahm ich mit in meinen eigenen Traum.
Wenn ich nachts Anthony am Hörer gehabt hatte, lag ich manchmal noch wach oder schrieb Texte. Seine Gedanken ballten sich zu Knäueln in meinen eigenen, öffneten Wege; Ideen wurden aus ihnen geboren und forderten Fortsetzung, Fragen tauchten auf. Nach einer Unterhaltung mit Jono hingegen schlief ich fast immer seltsam geborgen, wie vor einer Ewigkeit nach dem Sandmännchen im Fernsehen. Wenn Jono mir eine gute Nacht wünschte, dann wurde sie hell und gut.
Ich nahm das alles zunächst hin, ohne dass es mir bewusst wurde, denn ich hatte beruflich viel zu tun. Jono schlich sich währenddessen auf seine hartnäckige Weise unmerklich in meine Welt; Anthony aber stahl sich ebenso kaum spürbar nicht nur aus meinem, sondern aus allem Leben. Als mir das endlich auffiel, fühlte es sich an wie eine stille Übergabe, so als denke er, er könne nun gehen, da er mich in guten Händen wisse. Ich verdrängte den Gedanken. Doch Anthony beschleunigte seinen Abschied selbst. Er hüllte seine Selbstzweifel in dichte Rauchschwaden unzähliger Zigaretten und löste seine Angst und sein Bedauern in einem gnädig schimmernden Meer aus Whisky. Ich wusste es von unserer gemeinsamen Freundin Geli. Manchmal erwähnte er es auch selbst. Doch niemals fasste er in meiner Gegenwart ein Glas an.
Ich hatte Anthonys Briefe von Anfang an aufgehoben und gebunden. In meinem Bücherregal wohnen mehrere Bände mit seiner fließenden Handschrift und seinen Zeichnungen. Er seinerseits verbrannte stets nach dem Lesen alle Schriftstücke, die er von irgendwem bekam. Es war immer, als verwische er ständig alle Spuren, als wollte er nicht, dass sich in seinem Dasein etwas ansammelte.

An dem Tag, an dem Jono in einen Brief die erste Blüte des Schmetterlingsstrauches aus seinem Garten legte, wusste ich, dass wir zueinander passten und er etwas Besonderes war. „Es war das Schmetterlingsloch in deinem Brief – daher habe ich dir geantwortet und nicht den anderen“, gestand er mir bei der Gelegenheit. Seltsam, was für kleine Dinge das Schicksal ändern können. Was, wenn ich diesen Locher nicht geschenkt bekommen hätte? Wenn damals jemand anderer meinen Namen beim Julklapp aus der Lostrommel gezogen hätte, jemand, der Kerzen oder Kekse verschenkt?
Irgendwann wünschte sich Jono ein Treffen und bat um meinen Besuch. Ich hatte über die Möglichkeit einer Beziehung immer noch nicht wirklich nachgedacht. War ich Anthony zu ähnlich? Fehlte mir etwa auch der Mut? Wenn, dann war der Rollstuhl nicht der Grund. Schließlich versprach ich Jono, ihn zu besuchen, nach Abschluss meiner bevorstehenden zehntägigen Fortbildung. Vorher hatte ich beim besten Willen keine Zeit.
Meine Freundin Tina schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Bist du verrückt geworden? Wie kann man nur so naiv sein? Du kannst doch nicht zu einem wildfremden Mann in die Wohnung spazieren!“
Mit Tina hatte ich außer dem Beruf wenig gemeinsam. Ich trug gern alte Jeans und Sweatshirts, sie am liebsten Ballkleider. Wiesen und Bäume waren ihr kaum ein Begriff, eher Kunst und Antiquitäten. Aber mit Männern kannte sie sich aus, auch wenn oder weil sie in dieser Hinsicht von einer Katastrophe in die nächste schlitterte.
„Aber dieser Mann sitzt im Rollstuhl und kann die Arme nicht mal zum Briefschlitz heben“, protestierte ich. „Er kann mir wohl kaum gefährlich werden!“
„Der kann dir viel erzählen“, meinte Tina düster. „Woher willst du wissen, ob das alles stimmt?“
Ich zweifelte an nichts, was Jono mir erzählt hatte. Aber schließlich bat ich ihn darum, ob wir uns woanders treffen könnten.
„Kein Problem“, stimmte er sofort zu. „Wie wäre es mit dem Zoo? Da war ich schon ewig nicht mehr.“
Ich auch nicht. So verabredeten wir uns für den neunten Juli am Zooeingang, am Elefantentor, einen Tag nach meiner Fortbildung.
Während des Kurses war ich vollauf beschäftigt und fand keine Zeit, mir über Anthony, Jono oder nötigen Mut den Kopf zu zerbrechen. Am letzten Tag machte der Kursleiter mit uns zum Abschluss einen Ausflug in den Park, mit Picknick. Zum Ausklang hatte er noch eine Überraschung. Er häufte einen Berg Schuhkartons und Scheren in unsere Mitte und mehrere Körbe mit Bastelmaterial. Da fanden sich Samt- und Glitzerstoffe, Perlen und Steine, Filz und Lederreste, Watte und Stöcke.
„So“, sagte er. „Nun schneidet ihr Löcher in die Kartons, vorne lasst ihr eins offen und die anderen überklebt ihr mit Transparentpapier eurer Wahl. Dann füllt ihr den Karton mit Dingen, deren Farbe, Form oder Beschaffenheit euch anspricht und ordnet sie an, wie es euch gefällt. Zum Schluss klebt ihr den Deckel obendrauf. Dann hebt ihr sie gegen die Sonne und schaut hinein.“
„Wozu soll das Ganze gut sein?“, erkundigte sich einer der ewigen Zweifler. „Was sollen wir da sehen?“
„Wie es in euch aussieht, zum Beispiel. Man erlebt so manche Überraschung. Und außerdem macht es Spaß.“
Wir lagerten also gemütlich auf dem Sommergras und wühlten in unordentlichen Haufen und Assoziationen. Es machte tatsächlich Spaß. „Ich kann mich nicht entscheiden“, sagte eine der stets Unentschlossenen. „Kann ich auch zwei Kartons machen?“
Ich habe eine große Schwäche für kuriose Dinge. Am Ende füllte auch ich zwei Kartons. Als ich den einen in das schräg abendgoldene Licht hielt, sah ich eine ganz eigene Welt darin, wie aus einem dieser Träume, die man morgens noch verschwommen im Gedächtnis hat, um sie dann prompt zu vergessen bis auf das vage Gefühl, etwas verloren zu haben. Blau und kühl war es darin, wie unter Wasser. Dunkler Samt mit ein paar glitzernden Sternen lag in einer Ecke, ein grünes Netz und krumme Äste wie Treibholz in einer anderen, ein paar ausgeblichene Zeitungsschnipsel, glatte graue Kieselsteine, ein Schneckenhaus und ein kreisrunder etwas abgenutzter Radiergummi, eine Sanduhr. Außerdem ein Bleistiftstummel und ein halbleerer Farbnapf aus einem Tuschkasten.
„Anthony“, dachte ich. „So ist es mit Anthony.“
Im anderen Kasten entdeckte ich etwas ganz anderes. Hell war es darin und warm, denn das Transparentpapier warf gelbes, grünliches und orangenes Licht hinein wie an einem warmen Abend kurz vor Sonnenuntergang. Klar war alles darin und wirklich. Sand und weiße Muscheln, ein gelbes Stück Seide, ein Keks, duftende Grasbüschel, Gänseblümchen, ein Schmetterlingsflügel. Ein paar Fäden Lametta warfen ein Glitzern in den kleinen Raum.
„Jono“, dachte ich. „So ist Jono.“
„Und? Welcher gefällt dir besser?“, fragte der Kursleiter und hockte sich neben mich.
„Darum geht es nicht“, dachte ich. „Darum nicht.“
Einige begannen, sich zu verabschieden und aufzubrechen. Während ein paar andere eine Flasche Wein öffneten, spähte ich noch immer in die Kästen. Es war faszinierend, wie sich mit der sinkenden Sonne und dann der beginnenden Dämmerung das Licht änderte und die Bilder. Die Schatten auch. Und ich hatte das unheimliche Gefühl, dass ich im Begriff war, mich mit ihnen zu ändern.
„Suchst du was Bestimmtes?“, fragte mich Sonja, mit der ich mich ein wenig angefreundet hatte.
„Ja“, sagte ich. „Den Mut, morgen in den Zoo zu gehen.“


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Patricia Koelle, Roman, SPIEGEL Bestsellerautorin, Bestsellerautorin, Liebe, Liebesroman


Alles voller Himmel 5

10. Dezember 2016

Patricia Koelle: Alles voller Himmel

Patricia Koelle: Alles voller Himmel


Patricia Koelle
Alles voller Himmel
Roman

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-11-1




Leseprobe


5. Entdeckung am Pinguinpool

Feuchte Hitze drückte mit über dreißig Grad schwer auf die Stadt. Ich zog ein weißes Trägerkleid an; alles andere schien unerträglich auf der Haut.
Jono kam mit dem Behindertenfahrdienst, einem VW-Bus. Die Fahrer befreiten den Rollstuhl aus der Verankerung, Jono rollte die Rampe herab, das Auto brauste los zum nächsten Termin – und da standen wir allein in der Mittagsglut und sahen uns an, beide unsicher und beide bemüht, es dem anderen nicht zu zeigen. Jono konnte den Kopf nur aufrecht halten, wenn er seinen Arm auf die Lehne und das Kinn in die Handfläche stützte. Das sah recht lässig aus.
„Du hast unheimlich souverän gewirkt“, sagte ich später zu ihm. „Du auch“, sagte er und wir lachten, weil wir inzwischen wussten, dass bei uns beiden das Gegenteil der Fall gewesen war.
Er konnte die Arme nicht heben. Ich zögerte, wie sollte ich ihn begrüßen? Er öffnete die Hand, die auf seinem Oberschenkel lag. „Du kannst mir ganz normal die Hand geben“, sagte er. In der Hand hatte er eine Menge Kraft, der Druck war fest und angenehm.
Der Verkehrslärm verschluckte alle Worte, wir näherten uns erst einmal dem Elefantentor, dankbar für das kleine Schweigen, in dem wir uns aneinander gewöhnen konnten.
Ich hatte keine große Beziehung zum Zoo. Tiere mochte ich lieber in freier Wildbahn. Als Kind hatten mir eigentlich nur die Eisbären, die Seehunde und vor allem die Pinguine gefallen. Eine Ewigkeit war ich nicht mehr hier gewesen. Wir gingen planlos geradeaus die Allee entlang. Der Elektrorollstuhl brummte leise neben mir. Plötzlich stand uns ein Losverkäufer im Weg und schüttelte einen Eimer mit gelben Zetteln vor unseren Nasen. „Alles für den Tierschutzbund“, sagte er, „vielleicht ziehen Sie ja den Hauptgewinn!“
Ich wollte abwinken; ich war so erzogen, dass man kein Geld und keine Zeit auf Dinge wie Lose verschwendet. Aber Jono war da anders. „Ja, wir nehmen sechs“, sagte er hocherfreut und fischte ein Fünfmarkstück aus seiner Tasche. Wir öffneten jeder drei der Papierrollen. Jono hatte etwas Mühe dabei, schüttelte aber den Kopf, als ich ihm helfen wollte. „Lass mir einfach Zeit“, sagte er. Meine Lose waren Nieten, aber sein drittes entlockte Jono einen Freudenschrei. „Ein Drei-Punkte-Gewinn!“ Der Verkäufer hielt uns einen Korb entgegen und Jono sah prüfend hinein. „Da, der kleine Koala-Bär!“, sagte er entschieden. „Für dich!“
Ich steckte den Bären mit den kuscheligen Ohren in meinen Rucksack und fühlte mich plötzlich sorglos und leicht, als wäre ich wieder sechs Jahre alt. „Wohin wollen wir gehen?“, fragte ich unternehmungslustig.
„Wie wäre es mit den Pinguinen“, sagte Jono, „die mag ich am liebsten!“
Ich war so verblüfft, dass ich stehen blieb. „Ich auch!“ Ein wenig erschrocken sahen wir uns an.
„Na dann. Schau mal da auf die Karte, welcher Weg es ist.“ Für ihn war das Schild zu hoch, doch ich entzifferte schließlich die Route.
„An den Seehunden und den Eisbären vorbei“, stellte ich zufrieden fest. Manche Dinge änderten sich wohl nie.
Wir machten uns auf und unterhielten uns bestens. Offenbar hatten wir so viel telefoniert, dass wir uns bereits seltsam vertraut waren.
„Warte“, sagte Jono auf einmal, „ich möchte ein Foto machen. Stell dich bitte dort vor den Brunnen!“
Es war ein strahlend weißer Brunnen, in dessen Mitte ein marmornes Eisbärenpaar mit der glitzernden Fontäne spielte. Gehorsam stellte ich mich davor und blinzelte gegen die Sonne, während Jono sich bemühte, mit beiden Händen die Kamera in Position zu bringen. Umgeben von dem gleißenden Marmor, dem Hochsommerlicht und dem Plätschern im Hintergrund kam mir die Szene seltsam unwirklich vor, wie der Beginn eines Traumes oder einer langen Reise.
Bei den echten Eisbären schlug Jono eine Pause vor. Es gab eine Bank mit Überblick über das Gehege, in dem die Bären auf den Steinen am Wasserbecken schliefen wie hingegossen. Für sie war es eindeutig zu heiß. Mir fiel etwas ein. Ich fischte eine kleine Dose aus meinem Rucksack.
„Seifenblasen?“, staunte Jono erheitert.
Ich hatte eine Schwäche für Seifenblasen und kürzlich festgestellt, wie verschieden sie bei unterschiedlichem Wetter, Licht und in diversen Landschaften wirken. Auf Eis gefrieren sie, wenn man sie im Dunkeln über Kerzen bläst, wohnen Glühwürmchen darin, wenn sie auf Wasser landen, halten sie eine kleine Ewigkeit. Nun wollte ich die Eisbären aufheitern. Es ging kaum Wind, aber ich stellte mich auf die Bank und von da genügte er, um die zarten Kugeln mitsamt ihrer flüchtig bunten Leichtigkeit über die Mauer und hinab zu den Felsen zu tragen. Tatsächlich erhoben sich zwei der Eisbären und folgten der Erscheinung mit dem Blick. Einer haschte sogar danach. Die Kinder an der Mauer lachten.
Ich war glücklich. Der Tag hatte einen besonderen Schimmer, so schwerelos und regenbogenfarbig wie die kindischen Seifenblasen. Alle Sorge um Anthony, Alina und Alltagsdinge waren vergessen; ich konnte mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal dermaßen ungeniert lebendig gefühlt hatte.
„Entschuldigen Sie“, sprach Jono eine ältere Dame an, „könnten Sie bitte ein Foto von uns machen?“ Er stieß mich mit dem Ellbogen an und ich nahm ihm die Kamera ab, drückte sie der Dame in die Hand. Ich sollte noch erfahren, dass Jono das oft so machte. Für ihn war ein solcher Moment etwas ungemein Einzigartiges, Kostbares, das unbedingt festgehalten werden musste.
Wie recht er damit behalten sollte, ahnte ich damals noch nicht.
Nachdem wir uns mit einem Eis abgekühlt und den Seehunden zugesehen hatten, erreichten wir die Pinguine. Da stand die Sonne schon schräg und schenkte den bis dahin allzu blendend hellen Mauern und Wegen und uns ein warmes, weicheres Licht. Ich hockte mich neben Jono. Lange sahen wir den Kaiserpinguinen hinter der Scheibe zu, wie sie geruhsam in ihrer Eiswelt herumwatschelten, gelegentlich elegant ins Wasser tauchten und sich danach gegenseitig zärtlich das Gefieder richteten. Ab und zu rieselte eine Schneeflocke auf sie herunter. Es war angenehm, mit Jono zu schweigen, vor sich hin zu träumen. Ich sah ihn von der Seite an. Unsere Blicke trafen sich und genau in diesem Moment schlug das Leben zweier Menschen eine neue Richtung ein. Die Eiswelt der Pinguine und die Sommerwelt des Stadtzoos verschwammen, fielen aus der Zeit. Da war nur noch das Blau in Jonos Augen und das, was dahinter lag. Das klingt vielleicht albern, aber es fühlte sich an wie der Moment, wenn man an einem kalten Tag vergeblich die beiden Hälften des Reißverschlusses an seiner Jacke zusammenzubekommen versucht, und dann auf einmal rutschen sie ineinander und es passt und macht Sinn.
„Bitte komm näher, ich möchte dir einen Kuss geben“, sagte Jono leise. „Auf die Backe“, fügte er vorsichtig hinzu. Ich neigte mich zu ihm. Die Nähe war angenehm und seltsam vertraut. Ich fühlte die Berührung so leicht, dass ich mir nicht sicher war, ob sie wirklich gewesen war. „Auf die andere auch“, sagte Jono. Ich hatte den Kopf erst ein wenig gedreht, da spürte ich seine Lippen auf meinen, ebenso schmetterlingsleicht. In seinen Augen blitzte es verschmitzt. Ihm fehlte es wirklich nicht an Mut!
Die Pinguine waren Zeugen.
Irrerweise schossen mir die Worte des Losverkäufers durch den Kopf: „Vielleicht ziehen Sie den Hauptgewinn …“

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