Alles voller Himmel 5

Patricia Koelle: Alles voller Himmel

Patricia Koelle: Alles voller Himmel


Patricia Koelle
Alles voller Himmel
Roman

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-11-1




Leseprobe


5. Entdeckung am Pinguinpool

Feuchte Hitze drückte mit über dreißig Grad schwer auf die Stadt. Ich zog ein weißes Trägerkleid an; alles andere schien unerträglich auf der Haut.
Jono kam mit dem Behindertenfahrdienst, einem VW-Bus. Die Fahrer befreiten den Rollstuhl aus der Verankerung, Jono rollte die Rampe herab, das Auto brauste los zum nächsten Termin – und da standen wir allein in der Mittagsglut und sahen uns an, beide unsicher und beide bemüht, es dem anderen nicht zu zeigen. Jono konnte den Kopf nur aufrecht halten, wenn er seinen Arm auf die Lehne und das Kinn in die Handfläche stützte. Das sah recht lässig aus.
„Du hast unheimlich souverän gewirkt“, sagte ich später zu ihm. „Du auch“, sagte er und wir lachten, weil wir inzwischen wussten, dass bei uns beiden das Gegenteil der Fall gewesen war.
Er konnte die Arme nicht heben. Ich zögerte, wie sollte ich ihn begrüßen? Er öffnete die Hand, die auf seinem Oberschenkel lag. „Du kannst mir ganz normal die Hand geben“, sagte er. In der Hand hatte er eine Menge Kraft, der Druck war fest und angenehm.
Der Verkehrslärm verschluckte alle Worte, wir näherten uns erst einmal dem Elefantentor, dankbar für das kleine Schweigen, in dem wir uns aneinander gewöhnen konnten.
Ich hatte keine große Beziehung zum Zoo. Tiere mochte ich lieber in freier Wildbahn. Als Kind hatten mir eigentlich nur die Eisbären, die Seehunde und vor allem die Pinguine gefallen. Eine Ewigkeit war ich nicht mehr hier gewesen. Wir gingen planlos geradeaus die Allee entlang. Der Elektrorollstuhl brummte leise neben mir. Plötzlich stand uns ein Losverkäufer im Weg und schüttelte einen Eimer mit gelben Zetteln vor unseren Nasen. „Alles für den Tierschutzbund“, sagte er, „vielleicht ziehen Sie ja den Hauptgewinn!“
Ich wollte abwinken; ich war so erzogen, dass man kein Geld und keine Zeit auf Dinge wie Lose verschwendet. Aber Jono war da anders. „Ja, wir nehmen sechs“, sagte er hocherfreut und fischte ein Fünfmarkstück aus seiner Tasche. Wir öffneten jeder drei der Papierrollen. Jono hatte etwas Mühe dabei, schüttelte aber den Kopf, als ich ihm helfen wollte. „Lass mir einfach Zeit“, sagte er. Meine Lose waren Nieten, aber sein drittes entlockte Jono einen Freudenschrei. „Ein Drei-Punkte-Gewinn!“ Der Verkäufer hielt uns einen Korb entgegen und Jono sah prüfend hinein. „Da, der kleine Koala-Bär!“, sagte er entschieden. „Für dich!“
Ich steckte den Bären mit den kuscheligen Ohren in meinen Rucksack und fühlte mich plötzlich sorglos und leicht, als wäre ich wieder sechs Jahre alt. „Wohin wollen wir gehen?“, fragte ich unternehmungslustig.
„Wie wäre es mit den Pinguinen“, sagte Jono, „die mag ich am liebsten!“
Ich war so verblüfft, dass ich stehen blieb. „Ich auch!“ Ein wenig erschrocken sahen wir uns an.
„Na dann. Schau mal da auf die Karte, welcher Weg es ist.“ Für ihn war das Schild zu hoch, doch ich entzifferte schließlich die Route.
„An den Seehunden und den Eisbären vorbei“, stellte ich zufrieden fest. Manche Dinge änderten sich wohl nie.
Wir machten uns auf und unterhielten uns bestens. Offenbar hatten wir so viel telefoniert, dass wir uns bereits seltsam vertraut waren.
„Warte“, sagte Jono auf einmal, „ich möchte ein Foto machen. Stell dich bitte dort vor den Brunnen!“
Es war ein strahlend weißer Brunnen, in dessen Mitte ein marmornes Eisbärenpaar mit der glitzernden Fontäne spielte. Gehorsam stellte ich mich davor und blinzelte gegen die Sonne, während Jono sich bemühte, mit beiden Händen die Kamera in Position zu bringen. Umgeben von dem gleißenden Marmor, dem Hochsommerlicht und dem Plätschern im Hintergrund kam mir die Szene seltsam unwirklich vor, wie der Beginn eines Traumes oder einer langen Reise.
Bei den echten Eisbären schlug Jono eine Pause vor. Es gab eine Bank mit Überblick über das Gehege, in dem die Bären auf den Steinen am Wasserbecken schliefen wie hingegossen. Für sie war es eindeutig zu heiß. Mir fiel etwas ein. Ich fischte eine kleine Dose aus meinem Rucksack.
„Seifenblasen?“, staunte Jono erheitert.
Ich hatte eine Schwäche für Seifenblasen und kürzlich festgestellt, wie verschieden sie bei unterschiedlichem Wetter, Licht und in diversen Landschaften wirken. Auf Eis gefrieren sie, wenn man sie im Dunkeln über Kerzen bläst, wohnen Glühwürmchen darin, wenn sie auf Wasser landen, halten sie eine kleine Ewigkeit. Nun wollte ich die Eisbären aufheitern. Es ging kaum Wind, aber ich stellte mich auf die Bank und von da genügte er, um die zarten Kugeln mitsamt ihrer flüchtig bunten Leichtigkeit über die Mauer und hinab zu den Felsen zu tragen. Tatsächlich erhoben sich zwei der Eisbären und folgten der Erscheinung mit dem Blick. Einer haschte sogar danach. Die Kinder an der Mauer lachten.
Ich war glücklich. Der Tag hatte einen besonderen Schimmer, so schwerelos und regenbogenfarbig wie die kindischen Seifenblasen. Alle Sorge um Anthony, Alina und Alltagsdinge waren vergessen; ich konnte mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal dermaßen ungeniert lebendig gefühlt hatte.
„Entschuldigen Sie“, sprach Jono eine ältere Dame an, „könnten Sie bitte ein Foto von uns machen?“ Er stieß mich mit dem Ellbogen an und ich nahm ihm die Kamera ab, drückte sie der Dame in die Hand. Ich sollte noch erfahren, dass Jono das oft so machte. Für ihn war ein solcher Moment etwas ungemein Einzigartiges, Kostbares, das unbedingt festgehalten werden musste.
Wie recht er damit behalten sollte, ahnte ich damals noch nicht.
Nachdem wir uns mit einem Eis abgekühlt und den Seehunden zugesehen hatten, erreichten wir die Pinguine. Da stand die Sonne schon schräg und schenkte den bis dahin allzu blendend hellen Mauern und Wegen und uns ein warmes, weicheres Licht. Ich hockte mich neben Jono. Lange sahen wir den Kaiserpinguinen hinter der Scheibe zu, wie sie geruhsam in ihrer Eiswelt herumwatschelten, gelegentlich elegant ins Wasser tauchten und sich danach gegenseitig zärtlich das Gefieder richteten. Ab und zu rieselte eine Schneeflocke auf sie herunter. Es war angenehm, mit Jono zu schweigen, vor sich hin zu träumen. Ich sah ihn von der Seite an. Unsere Blicke trafen sich und genau in diesem Moment schlug das Leben zweier Menschen eine neue Richtung ein. Die Eiswelt der Pinguine und die Sommerwelt des Stadtzoos verschwammen, fielen aus der Zeit. Da war nur noch das Blau in Jonos Augen und das, was dahinter lag. Das klingt vielleicht albern, aber es fühlte sich an wie der Moment, wenn man an einem kalten Tag vergeblich die beiden Hälften des Reißverschlusses an seiner Jacke zusammenzubekommen versucht, und dann auf einmal rutschen sie ineinander und es passt und macht Sinn.
„Bitte komm näher, ich möchte dir einen Kuss geben“, sagte Jono leise. „Auf die Backe“, fügte er vorsichtig hinzu. Ich neigte mich zu ihm. Die Nähe war angenehm und seltsam vertraut. Ich fühlte die Berührung so leicht, dass ich mir nicht sicher war, ob sie wirklich gewesen war. „Auf die andere auch“, sagte Jono. Ich hatte den Kopf erst ein wenig gedreht, da spürte ich seine Lippen auf meinen, ebenso schmetterlingsleicht. In seinen Augen blitzte es verschmitzt. Ihm fehlte es wirklich nicht an Mut!
Die Pinguine waren Zeugen.
Irrerweise schossen mir die Worte des Losverkäufers durch den Kopf: „Vielleicht ziehen Sie den Hauptgewinn …“

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